"Messenger-Gruppe zum Reden"

Clubhouse ist eine Audio-App, bei der die Anwender Gesprächen wie bei einem Live-Podcast zuhören oder sich aktiv an Diskussionen beteiligen können. Im Gegensatz zu Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Twitter kann man Beiträge nicht schriftlich kommentieren oder Likes vergeben. Vor allem aber: es ist eine reine Audio-App, mehr als das Profilfoto gibt es von den Nutzern nicht zu sein. Wahrscheinlich gerade in von Video-Konferenzen geprägten Zeiten ein Unterscheidungsmerkmal und Erfolgskriterium. "Was die Sprachnachricht für den Messenger ist, ist Clubhouse für Social-Media, also sowas wie die Messenger-Gruppe zum Reden", schreibt Social-Experte Dirk von Gehlen.

Anbieter Alpha Exploration Co aus Salt Lake City definiert die App als "eine neue Art von sozialem Dienst, der auf Sprache basiert und es Menschen überall auf der Welt ermöglicht, sich zu unterhalten, Geschichten zu erzählen, Ideen zu entwickeln, Freundschaften zu vertiefen und interessante neue Leute zu treffen". Zum Marketing-Konzept der Clubhouse-Macher gehört eine künstliche Verknappung. So sind nicht nur alle Nutzerinnen und Nutzer eines Android-Smartphones außen vor. Auch die meisten iPhone-Besitzer, die Clubhouse installiert haben, mussten zunächst noch warten, um die App überhaupt nutzen zu können. Sie benötigen eine Einladung von einem aktiven Clubhouse-Anwender oder müssen zumindest nach Anmeldung von einem Nutzer eingelassen werden. 

Umstrittene Methoden

Für die virale Verbreitung setzt Clubhouse außerdem auf eine umstrittene Methode, die bereits Grundlage des rasanten Wachstums von WhatsApp war. Nachdem man die App installiert und die Einladung aktiviert hat, fordert die App Zugriff auf sämtliche Einträge im Kontakte-Adressbuch des verwendeten iPhones. Diese Praxis wurde bei WhatsApp von Datenschützern in Europa heftig kritisiert, weil die Anwender eigentlich zuvor jeden einzelnen Kontakt um Erlaubnis fragen müssten, bevor die persönlichen Daten auf Server in den USA übertragen werden. Das dürfte aber kaum jemand machen. Das fragwürdige Datenschutzkonzept von Clubhouse, das möglicherweise auch nur schwer mit der DSGVO vereinbar ist, ist natürlich Thema in vielen Gesprächen, hindert aber gerade viele Profis nicht, schnell auf den Clubhouse-Zug aufzuspringen. Stephan Schreyer, Berater für strategische & digitale Kommunikation und Audio, versteht und mahnt gleichzeitig: "Nichts ist so authentisch wie Live-Kommunikation. Deshalb ist die grundsätzliche Idee hinter der App extrem spannend - insbesondere für mögliche Corporate-Ideen. Der Knackpunkt ist allerdings der höchst problematische Umgang mit dem Datenschutz. Dieser Aspekt sollte trotz Fear of Missing Out (FOMO) keinesfalls unterschätzt werden, vor allem für Marken und Unternehmen."

Einer der Gründe für die Datenschutzbedenken bei Clubhouse

Einer der Gründe für die Datenschutzbedenken bei Clubhouse

Die Clubhouse-Mitglieder werden außerdem von den Machern des Dienstes als auch von den Moderatoren einzelner Gruppen aufgefordert, ihre Profile auf anderen Plattformen zu verknüpfen und dort die Inhalte der Gespräche zu kommentieren. Damit soll in Netzwerken wie Twitter, LinkedIn und Instagram der Wunsch geweckt werden, möglichst schnell an eine Einladung zu dem Netzwerk zu kommen. Klassischer Fall von FOMO-Marketing eben. Noch einmal Dirk von Gehlen: "Es geht um den Versuch, die Dynamik sozialer Netzwerke rund um das gesprochene Wort zu entfachen. Clubhouse bündelt damit die Hypethemen: Messenger (Dark Social), Audio (Podcast) und App-Netzwerke zu einem dreifach Hype, den sie dann auch noch beispielhaft vermarkten – über eine Invite-only-Strategie."

"Clubhouse ist ein wenig von allem – aber vor allen Dingen etwas ganz Neues. Es ist keine klassische Social-Media-App. Hier steht das Synchrone, der Live-Talk im Mittelpunkt", findet Markus Kaiser, Professor für digitalen Journalismus, Medieninnovationen und Change Management in der Kommunikationsbranche an der Technischen Hochschule Nürnberg. "Bei Facebook kommt extremistischen Organisationen der Algorithmus zu Gute. Im Clubhouse gehe ich (auf den ersten Blick) gezielt in einen Club oder zu einem Event. Ich hoffe aber auch, dass die „Dating-Räume“ nicht missbraucht werden. Datenschutz und Medienethik - diese beiden Themen sollten wir im Blick haben. Dennoch: tolle neue Funktionalitäten und frische Ideen", sagt Kaiser.

Diese Inhalte stehen leider nicht mehr zur Verfügung.

Digitaler Flurfunk

Auch in den Talks auf Clubhouse selbst stehen diese Aspekte häufig im Mittelpunkt. Wie mit den Datenschutzbedenken umgehen? Welche Chancen bietet die Plattform? Welchen Platz kann sie im Konzert der digitalen Kanäle einnehmen?

Peter Henssen, Gründer und Geschäftsführer von Pacemakers Digital Ventures (PMDV) sagt dazu: "Aus meiner Sicht ist Clubhouse kein Hype, sondern ein dynamisches, den Markt gut ergänzendes Audio-Format, das sich zwischen Podcast und einer Live-Talkrunde einpendeln wird. Im Vergleich zu anderen Social Media Plattformen lebt Clubhouse gerade vom Imperfektionismus und eben nicht von 100 Prozent ausgefeilten Posts wie auf LinkedIn oder Instagram. Vielmehr stehen hier authentische, spontane Diskussionen im Fokus, die nicht den Anspruch haben druckreif zu sein, da sie anschließend auch nicht veröffentlicht werden. Sie leben vom Jetzt: man war dabei – oder eben nicht. Nachholen geht nicht. Einzelne kluge Einwürfe oder Informationen von zufällig vorbeigekommenden Teilnehmern können die ganze Runde aufwerten – und die verbrachte Zeit in einem Raum sofort fruchtbar werden lassen." 

Viele sehen in dem Angebot auch eine Art digitalen Flurfunk, Ersatz für das gerade in Corona-Zeiten schmerzlich vermisste auch zufällige Gespräch. Markus Kaiser stellt ein wenig provokativ die Frage: Ist das die neue re:publica?

In jedem Fall hat die Plattform offenbar gerade beim Social-Media-erfahrenem Publikum einen Nerv getroffen. Auch erstaunlich viele Agenturmenschen haben die Plattform für sich entdeckt. Zwei Beispiele: Liane Siebenhaar von Kolle Rebbe startet am Montagabend ihren ersten eigenen Talk, Jan Nicolas König von Odaline hat das wie einige andere bereits hinter sich. Stark vertreten ist die Tech- und Medienfront. Magdalena Rogl ist Head of Digital Channels bei Microsoft. Sie betreibt seit längerem auf Twitter ein Audio-Format namens #Shortcast. Am Sonntag hat sie dafür erstmals Clubhouse getestet. Mit durchaus positiven Erkenntnissen. Gerade die Konzentration auf Audio ist aus ihrer Sicht positiv. "Da muss sich niemand Gedanken machen, wie er oder sie gerade aussieht. Das senkt auch die Hemmschwelle zur Teilnahme", findet Rogl. Die aber gerade mit Blick auf die Teilnahme auch viel Verbesserungsbedarf sieht. Die Einschränkung auf iOS und die Verknappung durch das Einladungsmanagement sei mit Blick auf Diversität und Inklusivität sehr schwierig. 

Die Macher der Plattform versprechen in beiden Fällen schnelle Besserung und führen in erster Linie den Mangel an Ressourcen als Grund für die aktuellen Einschränkungen. Tatsächlich ist das Angebot ja noch ziemlich jung. Clubhouse wurde im April 2020 gestartet und löste zunächst in den USA in der Coronakrise einen Boom aus, der an die Anfänge von WhatsApp oder Snapchat erinnert. Der Wagnis-Kapitalgeber Andreessen Horowitz, der auch früh in Silicon-Valley-Stars wie AirBnB, Facebook, Instagram, Lyft und Twitter investiert hatte, steckte im Mai 2020 zwölf Millionen Dollar in Clubhouse. Damit wurde das Start-up mit 100 Millionen Dollar (aktuell 82,78 Mio Euro) bewertet - zu einem Zeitpunkt, als nur 1500 Nutzer die Anwendung aktiv dabei waren. Darunter befanden sich aber schon prominente User wie der Rapper Drake, der Comedian Kevin Hart und die US-Schauspielerin Tiffany Haddish.

Mit Spannung darf erwartet werden, wie die bisherigen Platzhirsche auf den neuen Hype reagieren. Facebook hat in der Vergangenheit bewiesen, dass man sehr zügig einige ziemlich verwandte Angebote platzieren kann. Twitter hatte zuletzt auch den Audio-Bereich auf dem Schirm. Die Tatsache, dass auf Clubhouse sehr viele Business-Themen behandelt werden, dürfte auch bei LinkedIn für einige Betriebsamkeit sorgen. So oder so: Clubhouse macht von sich reden.

mit Material von dpa



Autor: Holger Schellkopf

Chefredakteur. Mitglied der W&V-Geschäftsleitung. Sozialisiert mit Print, konvertiert zu digital. Findet beides prima. Feste Überzeugung von @hschellk : Digital Journalism rocks! Versucht ansonsten, sich so oft wie möglich auf das Rennrad zu schwingen oder in die Laufschuhe zu steigen.