Mathias Döpfner: "Julian Reichelt hat BILD journalistisch hervorragend entwickelt und mit Bild Live die Marke zukunftsfähig gemacht. Wir hätten den mit der Redaktion und dem Verlag eingeschlagenen Weg der kulturellen Erneuerung bei Bild gemeinsam mit Julian Reichelt gerne fortgesetzt. Dies ist nun nicht mehr möglich. Mit Johannes Boie haben wir einen erstklassigen Nachfolger. Er hat unter Beweis gestellt, dass er journalistische Exzellenz mit modernem Führungsverhalten verbindet."

Wie sich die Geschichte am Wochenende zuspitzte

Die "New York Times" hatte am Wochenende einen langen Bericht über den Medienkonzern Axel Springer in Berlin auch mit Blick auf die Pläne zur Übernahme der US-Mediengruppe Politico veröffentlicht. In dem Artikel ging es auch um "Bild"-Chefredakteur Reichelt und im Frühjahr erstmals öffentlich bekanntgewordene Vorwürfe gegen ihn. In deutschen Medien war von Vorwürfen zu Machtmissbrauch und Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen die Rede gewesen. Der Konzern prüfte dann in einem internen Verfahren Vorwürfe.

Springer hatte dazu im März mitgeteilt: "Der Vorstand ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht gerechtfertigt wäre, Julian Reichelt aufgrund der in der Untersuchung festgestellten Fehler in der Amts- und Personalführung - die nicht strafrechtlicher Natur sind - von seinem Posten als Chefredakteur abzuberufen. In die Gesamtbewertung sind auch die enormen strategischen und strukturellen Veränderungsprozesse und die journalistische Leistung unter der Führung von Julian Reichelt eingegangen." Nach einer befristeten Freistellung kehrte Reichelt schließlich wieder zu Deutschlands größter Boulevardzeitung zurück.

Die "New York Times" erwähnte in ihrem Bericht auch, dass das Investigativ-Recherche-Team bei Ippen - das aus dem früheren Deutschlandteam von Buzzfeed News hervorging - über Monate weiter recherchiert habe und nun eigentlich eine Veröffentlichung mit weiteren Details geplant gewesen sei. Diese sei dann nach Einwirken des Verlegers Dirk Ippen zurückgehalten worden, wie am Sonntag auch das Medienmagazin "Übermedien" berichtete.

Nach Angaben des Medienhauses hatte es keine Beeinflussung durch Springer bei der Entscheidung gegeben, auf eine Veröffentlichung zu verzichten. "Es gab keine persönlichen Versuche von Springer-Führungskräften, die Recherche zu unterbinden. Der Austausch mit Springer beschränkte sich auf den in diesen Fällen üblichen Schriftwechsel der jeweiligen Anwälte."
Die Mediengruppe Ippen hat sich zu Berichten über eine geplante, aber nicht erfolgte Veröffentlichung von eigenen Recherchen zu "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt geäußert. Die Mediengruppe in München teilte am Montag der Deutschen Presse-Agentur
mit: "Als Mediengruppe, die im direkten Wettbewerb mit "Bild" steht, müssen wir sehr genau darauf achten, dass nicht der Eindruck entsteht, wir wollten einem Wettbewerber wirtschaftlich schaden." Das Medienhaus ergänzte: "Daher ist die Entscheidung gefallen, jeden Eindruck zu vermeiden, wir könnten Teil eines Versuchs sein, einen solchen wirtschaftlichen Schaden anzurichten. Damit war das Thema einer Erstveröffentlichung dieser Recherchen vom Tisch."

Was sich bei Springer jetzt noch ändert 

Springer betont, dass es bei Reichelts Fehlverhalten nicht um sexuelle Belästigung oder sexueller Übergriffe gegangen sei. Jedoch gebe es Hinweise auf Machtmissbrauch bei einvernehmlichen Beziehungen zwischen Reichelt und jungen Mitarbeiterinnen.

Zukünftig strebt Axel Springer einen anderen Umgang mit dem Thema an: "Eine klare Vorgabe, die den Umgang mit Verhältnissen unter Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Unternehmen explizit regelt, gab es bei Axel Springer wie bei den meisten deutschen Unternehmen nicht. Eine Einführung einer solchen Regelung war in der Vergangenheit aus rechtlichen Gründen verworfen worden. Der Vorstand hat nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Frühjahr 2021 beschlossen, dass es künftig die Pflicht geben soll, persönliche Beziehungen am Arbeitsplatz, die einen Interessenkonflikt auslösen können, transparent offenzulegen. Eine Umsetzung ist mitbestimmungspflichtig, entsprechende Diskussionen hierzu mit dem Betriebsrat dauern an."

am/mit dpa



Annette Mattgey, Redakteurin
Autor: Annette Mattgey

Seit 2000 im Verlag, ist Annette Mattgey (fast) nichts fremd aus der Marketing- und Online-Ecke. Für Markengeschichten, Kampagnen und Karriere-Themen hat sie ein besonderes Faible. Aus Bayern, obwohl sie "e bisi anners babbelt".