Jolita Gurskytė:
Schluss mit dem Tabu Mental Health

Der Zusammenhang zwischen seelischer Dysbalance und Arbeitsfreude sind offensichtlich. Dafür hat uns nicht zuletzt Corona die Augen geöffnet. Wie sich Unternehmen für psychische Gesundheit einsetzen können. 

Text: W&V Gastautor

Sich entspannen gehört auch zum Arbeitsalltag dazu.
Sich entspannen gehört auch zum Arbeitsalltag dazu.

Die Corona-Maßnahmen wirken sich auf unsere Psyche aus: Angst, Stress und Depressionen nehmen zu, wodurch das Thema Mental Health immer mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft rückt - auch im Job. Nur wenige Unternehmen in Deutschland haben bereits eine Vorgehensweise für den Umgang mit der psychischen Gesundheit ihrer Mitarbeitenden etabliert. Und das, obwohl die mentale Gesundheit der Mitarbeiter einen signifikanten Einfluss auf Betriebe hat: Psychisches Wohlbefinden steigert die Motivation, mindert Fehlzeiten und fördert positives Verhalten im Umgang mit dem Team.

Überfordert? Oft lautet die Devise: Augen zu und durch. Jeder von uns erinnert sich bestimmt an einen Moment, in dem wir uns selbst dazu gezwungen haben, Gefühle wie Überforderung, Wut und Ärger bei der Arbeit zu unterdrücken. Diese Vorgehensweise war lange genug eine Geschäftsgrundlage im Büro. Die Corona-Pandemie bringt unsere Verwundbarkeit zum Vorschein und eröffnet die Chance anders mit Verletzlichkeit am Arbeitsplatz umzugehen. Immerhin befindet sich die ganze Welt in einem Dauer-Ausnahmezustand, der für viele eine emotionale Belastung darstellt.

Was sagen die Zahlen?

Der erst kürzlich veröffentlichte Future of Jobs Report 2020 des World Economic Forums belegt, dass sich Faktoren, wie die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren oder zusätzliche Betreuungsaufgaben der Eltern, drastisch auf die psychische Gesundheit von Arbeitnehmenden auswirken. Weitere Erhebungen untermauern: Es gab noch nie so viele Fehltage im Job wegen psychischen Erkrankungen wie im Corona-Jahr 2020 (Psychreport der DAK-Gesundheit). Erschreckende Ergebnisse, gegen die jedes Unternehmen etwas tun muss. Denn negative Emotionen hemmen nicht nur die Motivation und Leistungsfähigkeit von Mitarbeiter, sie gefährden, wie durch die Untersuchungen deutlich wird, im schlimmsten Fall auch ihre Gesundheit.

Betriebe stehen nun vor der Frage, welche Schritte man einleiten kann, um die Gesundheit seiner Arbeitnehmer zu stützen. Auch in unserem Unternehmen standen wir - insbesondere während der ersten Welle - vor dieser Herausforderung, weswegen ich die Leitung für die Entwicklung einer Wellbeing-Strategie übernahm.

Gemeinsam mit meinem Team realisierte ich unterschiedliche Maßnahmen, die Beschäftigten dabei helfen, konstruktiv mit ihren Emotionen umzugehen. In der ersten Welle waren unsere Schritte reaktiv, während wir in der zweiten Welle versuchten proaktiv auf die mentale Gesundheit der Mitarbeiter einzugehen. Nachfolgend erläutere ich anhand von ein paar Beispielen, womit wir experimentiert haben.

(Psychologische) Unterstützung bieten und Austausch fördern.

Durch Apps wie Mindletic können die Angestellten ihre Emotionen und Stimmungen tracken und so besser wahrnehmen, wenn schlechte Laune zum gefährlichen Dauerzustand wird. Die App bietet den Mitarbeitenden zudem Zugang zu verschiedenen Techniken, die bei der Bewältigung von Burnout, Ängsten oder Stress helfen. Zusätzlich können bis zu zehn bezahlte Psychotherapiestunden pro Person gebucht werden. Diese finden in individuellen Videositzungen mit verifizierten Fachleuten statt. Wer möchte, kann auch ein Emotionstagebuch führen oder sich in der Community oder personalisierten virtuellen Räumen  über mentale und emotionale Gesundheit austauschen.

Verpflegung

Im Homeoffice fällt mehr Arbeit im eigenen Haushalt an. Es gibt keine Kantine oder rotierenden Küchendienst. Abwaschen und Kochen erzeugt zusätzlichen Stress. Im schlimmsten Fall ist der Arbeitsplatz aus Platzgründen in die Küche verlegt worden und man hat keine andere Wahl, als sich dem Spülbecken zu widmen oder Stunden lang neben dreckigen Geschirr zu sitzen - kein besonders wünschenswertes Bild. Unternehmen können Mitarbeitende entlasten, indem sie ein tägliches Budget für die Verpflegung zur Verfügung stellen. So wird die Arbeit im Homeoffice deutlich stressfreier.

Sport und Bewegung

Sitzen ist das Rauchen unserer Generation (Harvard Business Review) und seit Beginn der Krise tun wir dies noch mehr als je zuvor: Der Weg in die Arbeit, zum Lunch-Treffen oder das Meeting im Obergeschoss - all diese Strecken, die wir sonst zu Fuß zurücklegen, fallen nun weg. Dabei ist Bewegung unabdingbar für Vitalität und Konzentration. Eine Maßnahme, dem entgegenzuwirken sind gratis Online-Sportkurse. Befreundete Kollegen können sich zusammenschließen und ortsunabhängig an dem Fitnessangebot teilnehmen. So fördert man die Gesundheit seiner Arbeitskräfte und stärkt gleichzeitig auch das Teamgefühl.

Gemeinsamkeiten im Team

Apropos Teamgefühl: Über virtuelle Arbeits-Chaträume und Videokonferenzen sind wir zwar im ständigen Kontakt miteinander, dennoch kann man sich schnell einsam fühlen, wenn man nur oberflächliche, arbeitsbezogene Gespräche führt. In themenspezifischen Channels auf Kommunikationsplattformen können Kollegen sich über gemeinsame Interessen auszutauschen und so eine engere Beziehung zueinander aufbauen. Wir haben für fast alles einen Kanal - von Best Practices für Aktivitäten mit Kindern bis hin zu Katzen, Radfahren oder Büchern - zugegeben, auch schon vor Covid-19, aber sie haben sich nun als sehr hilfreich erwiesen.

Mitarbeiter können zur Nutzung dieser Maßnahmen ermutigt werden, jedoch niemals verpflichtet. Alle Schritte, die man als Unternehmen auf dem Weg zu einer funktionierenden Wellbeing-Strategie geht, beruhen auf freiwilliger Basis. Niemand darf sich unter Druck gesetzt fühlen.

Schlussendlich ist es so: Corona hat die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt und Unternehmen müssen sich den damit einhergehenden Herausforderungen stellen. Krisen erhöhen die psychische Verwundbarkeit, und auch den Betrieben kommt in dieser Situation eine wachsende Verantwortung zu. Es ist an der Zeit, auch in der Wirtschaft Platz für Verletzlichkeit zu schaffen und die mentale Gesundheit von Mitarbeiter sicherzustellen. Ich bin überzeugt: Unternehmen werden davon profitieren und wer weiß, vielleicht wird unsere Arbeitswelt durch diese Grenzsituation um ein Stück menschlicher.

Der Healthcare-Markt birgt enormes Potenzial: Unternehmen, Startups, Medien und Agenturen haben erkannt, dass sich dank der Digitalisierung nicht nur neue Geschäftsbereiche, sondern auch bislang unerreichte Zielgruppen ansprechen lassen. Sie wollen dazu mehr erfahren? Dann seien Sie am 11. Mai beim Healthmarketing Summit dabei. Lassen Sie sich inspirieren und lernen Sie, warum Gesundheit uns alle angeht.
Infos und Tickets ->

Über die Autorin: Jolita Gurskytė ist People Experience Spezialistin bei Vinted, Europas größter Online-C2C-Marktplatz für Second-Hand-Mode. Das Unternehmen baut das in Berlin ansässige Team in diesem Jahr deutlich aus und fokussiert sich dabei auf Entwickler, Data Scientists und Produktmanager auf Senior Level. Mit einer wachsenden Community von über 37 Millionen Mitgliedern ist Vinted das größte Online-C2C-Unternehmen in Europa, das sich der Secondhand-Mode widmet. Derzeit erstreckt sich die Mitgliederzahl über 13 Märkte. Das 2008 von Milda Mitkuté and Justas Janauskas in Litauen gegründete Unternehmen steht heute unter der Leitung von CEO Thomas Plantenga und wird von fünf führenden Venture-Capital-Firmen unterstützt. Das europäische Start-up hat seinen Hauptsitz in Vilnius mit weiteren Offices in Berlin, Utrecht und Prag und beschäftigt insgesamt über 600 Mitarbeiter.



Autor: W&V Gastautor

W&V ist die Plattform der Kommunikationsbranche. Zusätzlich zu unseren eigenen journalistischen Inhalten erscheinen ausgewählte Texte kluger Branchenköpfe. Einen davon haben Sie gerade gelesen.


Alle Specials